Nachbau der römischen Kastellmauer in Andernach
als dreidimensionaler Zeitstrahl im Maßstab 1:72
Modellbau im Dienst der Archäologie

Im Rahmen des FSJ Kultur 2013/2014 gehört es dazu, ein eigenständiges Projekt anzufertigen.  Da ich ein leidenschaftlicher Modellbahner bin lag es
nahe, etwas in dieser Richtung zu unternehmen. Nun fahren auf der Stadtgrabung in Andernach, wo ich einen Großteil der Zeit beschäftigt bin,
keine irgendwie gearteten Züge und wir fanden (bisher) auch keinen Hinweis auf das römische Rillensystem, mit denen die antiken Völker ihre
befestigten Straßen ausstatteten, um die Ochsen- und Zugkarren daran zu hindern, vom Weg abzurutschen. Auch der Plan, eine 5 Zoll Bahn, wie sie
aus Parks und Ausstellungen bekannt sind, um so ein Abraumentsorgungssystem zu schaffen, wurde schnell wieder verworfen. Die letzten
Ausgrabungen, auf denen 600mm Schienenloren zu finden waren, fanden in den 1960ern statt.

Der leitende Grabungstechniker in Andernach, Frank Brüninghaus, ebenfalls (Schiffs-)  Modellbauer, schlug vor, ein Modell der Andernacher
Kastellmauer anhand der Befunde in Andernach zu erstellen. Es sollte aber nicht nur ein Modell der römischen Mauer allein sein, sondern den gesamten
Zeitabschnitt vom Aufbau der noch heutigen sichtbaren Mauer aus der Spätantike (ca. 400 n. Chr.) bis heute (2014) als dreidimensionalen Zeitstrahl
darstellen.

Als geeigneten Maßstab legten wir 1:72 fest, da für diesen das größte Angebot an Figuren und Zubehörteilen im einschlägigen Handel vorhanden ist.

Planung und Materialien

Um einen guten Transport zu gewährleisten, sollte die Platte nicht größer werden als 90 cm x 20 cm. Diese Platte besteht aus Holz und hat
verschiedene aufgezeichnete Markierungen, um das Auseinanderhalten der Epochen zu erleichtern. Auf diese Platte ist eine zweite Platte mit den
Maßen 15 cm x 85 cm geschraubt. Diese zweite Platte bildet das eigentliche Diorama.

Nachdem die Maße des Dioramas festgelegt waren, heftet ich zwei DIN A3 Blätter zusammen und Begann mit einer 1:1 Zeichnung der Modellmauer.
Da ich unmöglich jedes Jahr im Modell darstellen konnte, beschloss ich, besonders prägende Abschnitte aus der Zeitgeschichte herauszugreifen.

Dazu gehören:

- Aufbau der Kastellmauer im 3./4. Jahrhundert nach Christus
- Fertiggestellte Mauer im 4. Jahrhundert
- Langsamer Verfall nach dem Untergang des weströmischen Reiches ab 476 n. Chr.
- teilweiser Abriss der äußeren Mauerteile, wahrscheinlich um Baumaterial für die Kirche zu  gewinnen
- Wiederaufbau der Mauer und gleichzeitige Aufstockung im 12./13. Jahrhundert
- verschiedene Bebauung an der Mauer, dargestellt durch Fachwerkhäuser

- Zerstörungen und Beschädigungen in den Kölner Kriegen 1591/ Dreißigjährigen Krieg
- Aufbau der Mälzerei ab 1864
- Industriebauten des frühen 20. Jahrhunderts
- „Betonklotz“ der Weisheimer Mälzerei der 1950er Jahre
- Abriss ab 2006
- Archäologische Grabung ab 2008

Schwierigkeiten bereiten mir die unterschiedlichen Höhenniveaus. So befindet sich die römische Mauer heute fast vier Meter unter dem heutigen
Straßenniveau, welches, nach dem Erbauungsjahr eines benachbarten Gebäudes, auf das ausgehende 19. Jahrhundert zurückzuführen ist. Ebenso
war der Rheinhafen vor der Stadtmauer fast zwei Meter tiefer. Dies belegen Schwemmspuren und erste Ausbaggerungen des Hafens 2008. Innerhalb
der Mauer ist das Gelände ansteigend, die Gegend heißt bis heute im Volksmund „auf dem Hügel“. An Bebauungsspuren sind zu großen Teilen nur
Kellerfundamente erhalten geblieben, allerdings gibt es auch eine sehr gut erhalten Straße aus dem 17. Jahrhundert, unter der weitere Straßen
lagen, die sich bis ins Jahr 800 zurückverfolgen lassen. Eben so gibt es noch gut erhalten Flächen römischen Estrichbodens aus der Erbauungszeit
der Mauer. Des weiteren waren schon aus den vorangegangen Jahren verschiedene Boden- und Höhenprofile auf Zeichnungen und digitalen CAD
Auszügen vorhanden, welche die Arbeit ungemein erleichterten.

Für das Modell setzte ich auf die selben Materialien wie ich sie von meiner heimischen Modellbahn her kannte, Allerdings nahm ich ein neues Material
hinzu, was im Modellbau stark auf dem Vormarsch ist: Styrodur. Styrodur, oder auch Hartschaum genannt. Ist ursprünglich ein Dämmstoff für Dächer
und Wände. Führende Modelleisenbahn Magazine zeigen immer wieder ausführlich, wie er für den Geländebau genommen werde kann. Er ist tragfest
und so leicht wie Styropor, allerdings kann man ihn viel einfacher bearbeiten und er hat keine umweltschädlichen Abfälle. Des weiteren ist er einfach
mit Acrylfarbe zu bemalen, und man kann leicht Gips, Sand, Erde u.ä. darauf modellieren.

Materialliste:

- Styrodurplatte 20mm breit (Baumarkt)
- Styrodurplatten verschiedener Breiten 1mm- 10mm (aus dem Table Top Spielezubehör)
- ausrangierte Pappkartons (ehem. Fundkartons)
- Wellpappe (Abfall)
- Moltofill Klassik Gips (Baumarkt)
- Ponal Holzkleber Klassik (Baumarkt)
- ein Dutzend Packungen Streichhölzer
- UHU Flüssigkleber
- Acrylfarbe
- Abtönfarbe
- Wasserfarbe
- Draht
- 1:72 Figuren verschiedener Hersteller
- Modellgrasfasern (Faller)
- MDF Pressplatte (Abfall)
- REVELL Enamelfarben
- doppelseitiges Klebeband

Der Bau

1. Unterlage

Auf das MDF Brett setze ich passend zum Höhenniveau zurechtgeschnittene Fundkartons, die ich anschließend mit Pappstreifen über Kreuz im Inneren
verstärkte und mit doppelseitigen Klebeband sowie Ponal aufklebte. Um sanfte Geländesteigungen zu ermöglichen, klebte ich noch Reststücke des
Styrodurs auf. Anschließend wurde das Gelände grob mit Gips vormodelliert.

2. Die Mauern

Bisher war es üblich, Mauerteiler aus Gips in extra angefertigten Formen zu gießen oder sie aus einem Block mit Messern und Feilen zu Modellieren.  
Diese Methode ist sehr aufwendig und es besteht immer die Gefahr des Auseinanderbrechens. Auf der Role Play Convention 2014 in Köln führte ein
Designer von Table Top Spielen vor, wie man mit Hilfe von dünnen   Styrodurplatten und einfacher Bemalung dreidimensionale Gebäude entstehen
lassen kann. Begeistert davon, nahm ich ein paar Platten mit. Diese Styrodurplatten sind viel feiner und leichter zu bearbeiten als die im Baumarkt
erhältlichen Platten, dafür etwas bruchempfindlicher. Mit einem angespitzten Bleistift ging es ans Werk.

2.1. römische Mauer im Bau

Zuerst gravierte Ich die 10mm dicken Platten, um die Tuffblockfundamente darzustellen. Stufenartig stapelte ich weitere Schichten auf, bis die
gewünschte Höhe erreicht war. Auf die Tuffblöcke setzte ich versetzt zwei Reihen 5mm starkes Styrodur, welches mit kleinen Tuffquadern und
Bruchsteinplatten geritzt war. Die Schichte wurden solange hochgesetzt, bis sie eine Höhen von umgerechnet sechs Metern hatten. Die Umgebung
wurde als Baugrube mit Rampen dargestellt und entsprechenden Figuren bestückt.

Eine Besonderheit an den Fundamenten der Mauer ist ein Zwischengang auf der Innenseite, der sich dadurch bildet, dass auf der anderen Seite
ebenfalls eine Mauer ist, die sich nach unten hin abschrägt. Nach Bearbeitungsspuren zufolge hat man in die innere Mauer nachträglich Auflagen
hineingeschlagen, um Balken darin zu befestigen, während in der äußeren Mauer Löcher absichtlich gemauert wurden. Warum, entzieht sich noch der
Forschung. Jedenfalls sollte auch dieser Kellerraum angedeutet werden, weshalb ich echte Schieferplatten auf das richtige Format hämmerte und mit
Kleber zu einer Mauer baute. Mit Streichhölzern wurde dann der Bodenbelag gelegt.

2.2. vollständige römische Mauer

Dieser Teil war recht einfach. Passend zurechtgeschnittene Wellpappen wurden in mehreren Lagen übereinander geklebt. Die römischen Mauern
wurden verputzt und mit aufgemalten Quadern versehen, um solides Mauerwerk vorzutäuschen. Also klebte ich auf den Wellpappekern mit Zinnen
versehene Deckpappen aus alten Fundkartons. Diese wurden weiß gestrichen, roter Bleistift stellte die Mauerfugen da. Schwarze Kartonstücke wurden
als Basaltabdeckungen auf den Zinnen befestigt.

Im inneren Mauerbereich errichte ich aus Bristolkarton das erste Gebäude, eine römische Militärbaracke. Das Dach hat eine überkragende
Balkenkonstruktion aus Streichhölzern, auf der Dachziegel aus eingeschnittener dünner Pappe aufgeklebt und bemalt wurden.

2.3. Abriss und Verfall der Kastellmauer

Mit dem Abzug der Römer verfiel auch die Infrastruktur zusehends. Überfälle der keltischen Stämme, der Wikinger oder der Gebrauch der Gebäude
als Steinbruch beschleunigten dies. Darum fehlt der Mauer sämtlicher Verputz. Des Weiteren schnitze ich diesen Teil der Mauer aus einem Stück,
welches aber nur halb so breit war wie das Vorhergegangene. Der Hauptgrund war der Abriss der äußeren Ummantelung im frühen Mittelalter,
wahrscheinlich um Baumaterial für den Mariendom in Andernach zu gewinnen. Verbaute Tuffsteine im über 900 Jahre alten Nordturm der Kirche legen
das Nahe. Die innere Fläche liegt deshalb brach.

2.4. Wechselvolle Zeiten als Stadtmauer

Ab dem 13. Jahrhundert begann der großangelegte Wiederaufbau der Kastellmauer als Stadtmauer. Mithilfe eines Stiches aus dem Jahre 1591 und den
gut erhalten Resten ließ sich auch dieser Abschnitt gut rekonstruieren. Die im Vorbild bis zu sechs Meter hohen Mauern wurden als größeres Stück
des Dioramas aus einem Baumarkt-Styrodurstück geschnitten. Nach bekleben mit dünnen Styrodur und der bewährten Einritzung lackierte ich die
Mauer mit dunkelgrauer Acrylfarbe um dem Bruchsteineffekt zu erreichen. Einige Stellen haben allerdings die Optik der Römermauer beibehalten,
denn aufgemauerte Reste des Vorbaus sieht man überall noch in der heutigen Fassade. Der Wehrgang wurde aus Streichhölzern und Pappe gebaut.
Teile der Mauer zeigen Kriegsschäden aus den  Kölner Kriegen (1583–1588) und dem dreißigjährigen Krieg, der Andernach als geplünderte und
marode Stadt zurückließ.

Dies repräsentiert auch die Bebauung: Ein einfaches Fachwerkhaus zeigt den Städteneubau, ein sehr großes und repräsentatives Gebäude die kurze
Blüte bevor ein total zerstörtes, klerikales Stiftsgebäude den Verfall versinnbildlicht. Die Fachwerkhäuser haben einen Sperrholzkern, auf dem
Streichhölzer geklebt wurden. Die Zwischenräume sind mit Gips zugespachtelt. Die Bemalung erfolgte mit Wasserfarbe, die Dächer sind wieder
eingeschnittene Pappstreifen. Die Ruine besteht wieder aus Styrodur, Der Innenraum und die Umgebung wurden mit echter Asche bestreut.

2.5 Verfall und Abriss

Nach den napoleonischen Kriegen verfiel die Mauer zusehends und wurde zu vielen Teilen abgerissen. Auf dem heutigen Grabungsgelände siedelte
sich die Mälzerei Weissheimer an. Die Mälzereigebäude entstanden aus Pappe, die plastische Stuckelemente aus Papier erhielten. Teilweise wurde
eingefärbter Karton für das klassizistische Kernhaus von 1864 benutzt, der Industriebau aus dem 19. Jahrhundert wurde mit spezieller Strukturpappe
Beklebt. Zwischen dem Kernhaus und der Ruine auf der Innenseite klebte ich Gras auf, den wahrscheinlich waren hier früher Probsteigärten. Hier
endet auch die Mauer fürs erste. Als harten Einschnitt setzte ich eine aus dunkler, grauer Pappe die Fassade des im Original über 40 Meter hohen
Betonklotzes um, der in den 1950er Jahren dorthin als Haupthaus gebaut wurde. Er bildet die Rückseite der Mälzerei. Das Innere des Gebäudes
hingegen ist schon zum großen Teil angerissen, überall liegen Putz-, Fassaden- und Wandstücke (Gipsreste) und Stahlträger (verrostete
Büroklammern) herum. Schimmel an den Wänden wurden mit Gipsflocken kreiert, die Alterungsakzente setzte ich mit Wasserfarbe.

2.6 Die heutige Grabung

Nahtlos schließt sich die Grabung an den Schutthügel an. Zu sehen sind Estrichreste, Mauerzüge und eine Wasserleitung, alles Bereiche, die ich
teilweise im Rahmen des FSJs als wissenschaftliche Planquadrate gezeichnet habe. Sie wurden mit echtem Lehm, Schiefer und Bimssteinen,
gestaltet, alles von der Grabung in Andernach. Als Hommage an mein FSJ setzte ich noch unsere Grabungscrew als Modellfiguren ein. Die nun
ruinöse, aber ausgrabende Mauer wurde wie in 2.1 beschrieben gebaut. Zum Schluss sieht man noch einen kleinen Streifen des heutigen
Straßenniveaus.

3. Abschließende Betrachtung

Der Bau eines Modells ist immer aufwendig und ich habe in den vielen Jahren, in denen ich als Modellbauer tätig bin sehr viel getan und erlebt, aber der
Bau dieses Modells war mit Abstand das aufwendigste, aber auch Beste Modell, das ich je kreiert habe. Ich hoffe, dass meine Mitgräber beim Anblick
dieses Zeitstrahls an die wunderbare Zeit erinnern werden, die  wir zusammen verbracht haben, und dass sich jeder Betrachter bewusst wird, wie viel
Geschichte in einem verfugten Stein stecken kann.

Wulf-Richard Schlig / Modellbauclub Koblenz


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